TONI BERNHART & SPRECHENSEMBLE: "Gänge an Ufern des Flusses."

Deutschsprachige Literatur der 1920er-Jahre – Eröffnungsvortrag

Die deutschsprachige Literatur der 1920er-Jahre zeichnet sich durch große Vielfalt und ausgeprägte Experimentierfreude aus. Teils im Widerspruch zueinander, teils in atonaler Konsonanz vereint, stehen unterschiedliche Stile, Themen und Personen einander gegenüber. Die Grenzen zwischen den Künsten werden durchlässig. Literatur experimentiert mit Formen aus Radio, Film und bildender Kunst, etwa mit Schnitt, Blende und Collage, oder nähert sich der Musik an, indem Sprache als Klangmaterial verwendet wird. Als besonders avantgardistisch erweist sich dabei die Lyrik, die Stimme, Klang und Grafik vermengt, Konkretes, Mythos und Religiöses mischt und die Sprache selbst als Akteurin im Text installiert, so z. B. bei Stefan George, Else Lasker-Schüler, Rainer Maria Rilke oder Kurt Schwitters. Erzählstile unterschiedlichen Zuschnitts fallen in diese Zeit: Franz Kafka, Hermann Hesse, Thomas Mann, Alfred Döblin und Hans Henny Jahnn schaffen Prosatexte weltliterarischen Rangs. Charakteristisch für die Literatur der Epoche sind die zahlreichen Frauen, die sich selbstbewusst wie selten zuvor als Schriftstellerinnen behaupten und etablieren, darunter Marieluise Fleißer, Alma M. Karlin, Irmgard Keun, Annemarie Schwarzenbach und Gabriele Tergit.