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Das neue SPOKEN ARTS FESTIVAL widmet sich herausragenden Formen des künstlerischen Zusammenspiels von Sprache, Musik und Tanz

Vom 25. bis 31. Oktober 2022 findet erstmals das SPOKEN ARTS FESTIVAL in Stuttgart und der Region statt. Eine Woche lang feiert das Festival die Vielfalt und Fülle der künstlerischen Ausdrucksformen rund um das gesprochene Wort und bietet herausragenden Künstler*innen eine Bühne. Die erste Festivalausgabe ist den 1920er-Jahren gewidmet und wird „die Strahlkraft dieser kulturellen Epoche bis in die Gegenwart der 2020er-Jahre neu beleuchten“, so der künstlerische Leiter Joachim A. Lang. Veranstalter des Festivals ist die Akademie für gesprochenes Wort in Kooperation mit zahlreichen Kulturpartnern. „Mit SPOKEN ARTS wurde ein besonderes Format geschaffen, das die Sprechkunst erstmals in einem Festival mit anderen Gattungen der Kunst zusammenführt. In dieser Form hat es das noch nicht gegeben“, betont Uta Kutter, Direktorin der Akademie für gesprochenes Wort. Hauptspielort ist das Theaterhaus Stuttgart, außerdem bieten das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das Kunstmuseum Stuttgart, das Literaturhaus Stuttgart sowie die Schauspielbühnen in Stuttgart Veranstaltungen an.


„Die 1920er-Jahre“ – Einführung von Prof. Dr. Torsten Hoffmann, Universität Stuttgart

„Der Riss der Welt geht auch durch mich“, schrieb Siegfried Kracauer 1923 an Theodor W. Adorno. Und so wirken die 1920er-Jahre im Ganzen: wie ein Laboratorium gesellschaftlicher Zerrissenheit. Die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland, in der zum ersten Mal auch Frauen das Wort ergreifen durften, hat man gefeiert und verachtet. Im Juni 2022 jährte sich die Ermordung des jüdischen Außenministers Walter Rathenau durch die rechtsradikale „Organisation Consul“ zum einhundertsten Mal – es war nur das prominenteste von zahlreichen politischen Attentaten dieser Jahre. Während die einen zurück zum ‚alten‘ Deutschland wollten, machte das seit 1923 sendende Radio jeden Einzelnen zum „Tummelfeld von Weltgeräuschen“ (Kracauer). Die für moderne Gesellschaften typische Heterogenität erreichte auch im sozialen und kulturellen Bereich extreme Ausschläge, denn die 1920er-Jahre waren eine Epoche der Ungleichzeitigkeit: in Stuttgart fuhren ‚noch‘ Pferdekutschen und ‚schon‘ elektrische Straßenbahnen durch die Innenstadt. Und selbst die vielen literarischen Höhepunkte dieses Jahrzehnts, geschrieben von Virginia Woolf und Thomas Mann, James Joyce und Irmgard Keun, Marcel Proust, Franz Kafka, Kurt Schwitters und vielen anderen, die allesamt der klassischen Moderne zugerechnet werden, sind in völlig unterschiedlichen Erfahrungswelten entstanden. Während Rainer Maria Rilke, einer der ersten Kosmopoliten der deutschsprachigen Literatur, 1922 in der Schweiz seine „Duineser Elegien“ in einem kargen mittelalterlichen Wohnturm ohne Strom und fließend Wasser vollendete, saß T.S. Eliot in der überfüllten Londoner U-Bahn, um in der ‚rush hour‘ von seinem Arbeitsplatz im Londoner Bankenviertel nach Hause zu kommen und an seinem Gedichtzyklus ‚The Waste Land‘ zu feilen. Nimmt man dieses schillernde Jahrzehnt heute in den Blick, verwirbeln sich seine Widersprüchlichkeiten ebenso wie unsere Nähe- und Distanzgefühle auf eine so irritierende wie faszinierende Weise.

Joachim A. Lang, seinem Team und der Akademie für gesprochenes Wort gratuliere ich zu ihrer Entscheidung, das erste Stuttgarter SPOKEN ARTS FESTIVAL den ungleichzeitigen 1920er-Jahren zu widmen! Im Namen aller Beteiligten danke ich für die frühe Einbindung der Universität Stuttgart in die Konzeption, für den anregenden Austausch – und für das beeindruckende Engagement des gesamten Teams. Vor allem aber wünsche ich dem Publikum viel Spaß dabei, sich vom facettenreichen Programm mit seinen diversen Kunst- und Performanceformen den Geist und die Sinne beschwingen zu lassen. Let’s swing!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Die Literatur der 1920er-Jahre“ – Einführung von PD Dr. Kristin Eichhorn, Universität Stuttgart

Die Literatur der 1920er-Jahre ist ausgesprochen mannigfaltig. Das ist kaum verwunderlich vor dem Hintergrund der politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen sie entsteht: Gerade erst ist der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen und nach dem Kaiserreich entsteht mit der Weimarer Republik ein demokratischer Staat, indem sich aber schon bald die einander gegenüberstehenden politischen Lage radikalisieren. Straßenkämpfe zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten stehen neben der Jazzkultur der ‚Goldenen Zwanziger‘. Das moderne Leben in der Großstadt mit seinen zahlreichen Unterhaltungslokalen wird zum Sehnsuchtsobjekt. Ein neues Frauenbild – der kurzhaarige Flapper ohne Korsett und mit eigener Erwerbstätigkeit etwa als Telefonistin – entsteht. Auf der anderen Seite aber prägen soziale Probleme das Bild, die spätestens mit der Wirtschaftskrise unübersehbar werden. Im Leben des ‚kleinen Mannes‘ scheitern die großen Träume oft an der Realität, in der man sehen muss, dass das Einkommen zum Überleben reicht.

All das und mehr kommt in der Literatur der Zeit zum Tragen. Gerade am Anfang der 1920er-Jahre dominieren noch expressionistische Stimmen. So ist die berühmte von Kurt Pinthus herausgegebene Gedichtsammlung „Menschheitsdämmerung“ 1919 erschienen und wirkt in den 1920er Jahre nach. Auch der filmische Expressionismus spielt sich vor allem in diesem Jahrzehnt ab. Expressionistische Kunst und Literatur sind bestimmt vom mit starkem Pathos vorgetragenen Heraufbeschwören einer neuen Zeit, die die alte ablösen soll. Dabei wird im entfremdeten und schnellen Großstadtleben ambivalent einerseits die Rettung, andererseits die Krise gesehen. Alles neu macht expressionistische Literatur auch formal: Die traditionellen Gesetze der Grammatik scheinen aufgehoben, zahlreiche Wortneuschöpfungen, logische Brüche und effektvolle Schockelemente dominieren die Texte.

Hinzu kommen avantgardistische Einflüsse aus dem Ausland. Aus der Rezeption der Oktoberrevolution und des russischen Agitprop entstehen auch in Deutschland neue kollektivistische Theaterformate und Theatertruppen wie die Piscator-Bühne und das epische Theater. Parallel blühen im Theater, aber auch in anderen Formaten Dokumentarismus und Reportage, die aber wie Erwin Egon Kirschs „Rasender Reporter“ (1925) ebenfalls das Bewusstsein ihres Publikums für aktuelle Probleme schärfen wollen. Zeitstücke und Zeitgedichte ergänzen diese Tendenz.

Im Laufe der 1920er-Jahre wird der Ton in der Literatur nüchterner. Mit der „Gruppe 1925“ und der Entstehung der Neuen Sachlichkeit. Hier entstehen zahlreiche heute noch verbreitete Romane von Irmgard Keun oder Hans Fallada. In der Lyrik bildet sich das neue Genre der Gebrauchslyrik heraus: Gedichte sollen wie z.B. Arznei in den Alltag ihrer Leser*innen integriert und ‚gebraucht‘ werden. Auf kunstvolle Ausschmückungen wird verzichtet. Alltagssprache und Schlagerzitate finden ihren Weg in die Literatur.

Literatur erhält mit Film und Hörfunk neue mediale Konkurrenz, greift aber die neuen technischen künstlerischen Ausdrucksformen auch auf und entwickelt neue Erzähl- und Ausdruckweisen, die etwa an die Schnitttechnik des Films angelehnt sind. Aus Film und Bildender Kunst übernimmt sie die Montage heterogenen Materials. Der Hörfunk wird ein neuer Ort der Verbreitung von Literatur und bringt neue Formate wie das Hörspiel hervor.

Die Frage, was Literatur dabei inhaltlich sagen darf und inwiefern sie als propagandistisches Medium zensiert werden muss, bestimmt die öffentliche Debatte. Immer wieder gibt es Prozesse und Proteste gegen Zensurentscheidungen. Literatur und Gesellschaft sind in den 1920er-Jahren untrennbar miteinander verknüpft. Literatur will modern sein und als Stimme ihrer Zeit sprechen und sie tut es in einer Vielseitigkeit, die immer wieder neu zu entdecken ist.




Partner

Das SPOKEN ARTS FESTIVAL bedankt sich bei seinem Mobilitätspartner: Volkswagen Automobile Stuttgart!